Euromobil
   

CARMELO ZOTTI

Aus der Monographie "Carmelo Zotti" von Enrico Crispolti

 

... Dass dieses reife Problembewusstsein und diese Gestaltung eines sehr persönlichen und ohne weiteres typischen künstlerischen Erbguts mit der vollen Le­bensreife des Künstlers zusammenfällt, können wir daraus ersehen, dass die Momente der Entwicklung des Malers Zotti authentisch und autonom sind, und nicht unter äußerem Druck oder dem Zwang einer kulturellen Modeerscheinung oder ähnlichem verwirk­licht worden sind. Dieses Maß an Unabhängigkeit, das sogleich in Zotti anerkannt werden soll, entspricht dem eigentlichen Charakter des Künstlers, einsam, und wenn man will, romantisch. Diese Unabhängigkeit und dieser einsame Charakter sind die natürlichen Züge des Bewusstseins der eige­nen kulturellen Wahl, die ihn unterscheidet. Diese Verschiedenheit wird am Mut seines künstlerischen Schaffens gemessen, mit dem Zotti zum großen Teil gegen den Strom schwimmt, nicht nur wegen seines unbegrenzten Vertrauens in die Malerei, in das großzügige Darstellen und Gestalten mit malerischen Mit­teln, sondern auch wegen jener eindeutigen Neigung, sich von neuem und auf neue Art und Weise in einer Vorstellungswelt zu bewegen.

...wenn also Zotti einerseits den Mythos darstellt, so tut er das andererseits in ironischer Brechung und grotesker Entstellung. So stellt sich Zotti zweifellos gegen die neueste Mythographie (Mythenforschung ?), die auf den Massenkonsum zugeschnitten ist, und den Mythos oft mit einer naiven Gläubigkeit darbietet, von der er sich Zotti nicht einmal im Traum einfallen ließe, sie sich zu eigen zu machen. Nach dem Vorschlag Kerenys ist eine Unterscheidung zu treffen zwischen dem «genuinen Mythos» im Sinne des Rückerwerbs einer mythos­schöpfenden Disposition, und dem «technizisierenden» Mythos im Sinne einer historisierenden Rückge­winnung des Mythos. Das von Zotti gewählte Vorgehen ist - wie mir scheint jenes, das der Bezeichnung «technizisierter» Mythos entspricht, d.h. obwohl der Mythos in seiner Geschichtlichkeit gegenwärtig ist, wird er dennoch sofort umgewandelt in einem entmythisierenden Vorgang (oder aber entmystifizierend), indem er einen Prozess der substantiellen Entmythisierung, einer Entleerung von jeder absoluten Stellungnahme und jeder effekti­ven Geschichtlichkeit am äußersten Rande des phan­tomatischen (irrealen ?) Theaters vollzieht, der von Böcklin be­gonnen und von De Chirirco und Savinio aufgegriffen wurde, und der zu dem Ursprung jener visionären Tendenz führen sollte, in welcher die letzteren Bilder Zottis sich bieten. Gegen diese in gewisser Weise «technizisierten» Mythen der Konsumgesellschaft stellt Zotti also Phantasmen der antiken Mythen auf, anderer zwar ebenfalls «technizisierter» Mythen, jedoch indem er sie eben in ihrer erkünstelten und offensichtlich ent­mythisierenden (und eben entmystifiizierenden) Ge­stalt bietet. Und gerade darum liegt die übereinstimmung Zottis mit der Gegenwart nicht in dem Rückerwerb einer ursprünglichen Emotivität, wie in dem Umgang eines Mirko mit dem «genuinen Mythos» (nach Cassirer) ­oder aber in der Neuentdeckung einer Dimension von Archetypen (im Sinne Gaglis oder eines Ernst). Zottis übereinstimmung mit der Gegenwart manifestiert sich, indem er dem Druck der soziologischen aktuellen Wirklichkeit und ihren konsumgeweih­ten Mythografien seine «technisierten», archaischen, biblischen Mythen gegenüberstellt. Diese Gegenüberstellung aber erfolgt immerhin in einer nur augenscheinli­chen Geschichtlichkeit, die eben als solche erklärt ist, eine völlig künstliche, - auf der Bühne eines traumbildhaften Theaters, dessen effektive Wirklich­keit nicht die mythische Wiedergabe anstelle der tatsächlich historisieren­den der mythischen Evokation anstrebt. Somit ist die Antwort, die Zotti auf den problematischen Druck der soziologischen Wirklichkeit gibt, eine nur indirekte, eine «ausgespielte», in jener Dimension der «Negation», die eine reiche Tradition der zeitgenössischen Kunst aufzuweisen hat: von den zuvor genannten Initiatoren, der aktuellen Problematik Zottis bis zu dem gesamten historischen surrealistischen Bereich. Es wäre deshalb völlig unangebracht, die aktuelle Malerei Zottis als eine Form der phantastischen Flucht vor dem Druck der Realität aufzufassen (was in der Zukunft zwar geschehen könnte, wenn auch in geringeren und abweichenderen äußerungen, aber immer mit bedeutendem künstlerischem Einsatz). Dagegen ist also diese Malerei das Mittel einer problematischen Stellung­nahme, eines der Wirklichkeit Gegenübertretens - aber unter dem Profil eines Spiels der «Negation» und des «Widerspruchs», anstelle des unmit­telbaren Angriffs im realistischen Sinne. Die phantastische Ausführung, die Evokation in einem «Traumtheater» ist genau das Mittel zur Durchführung dieses Aktes des Widerspruchs. Es ist die Art, etwas Anderes und etwas Neues entgegenzusetzen, einen neuen Horizont zu eröffnen, der dann seinerseits wieder zu jenem endlosen dämonenhaften Horizont wird, welcher als innere Wirklichkeit wie eine Kappe von oft zu gekünstelter Rationalität über dem intimsten Panorama der europäischen Wirklichkeit lagert, in dem Druck ihrer historischen Schichtungen. Eine herausfordernde Handlung also, die Zotti vornimmt mit dieser typi­schen Darstellung in «annähernder Form» - als zusammenfassende Defini­tion der imaginären Ebenen und Profile seiner Bilder und Elemente - mit einem fast monumentalen, zeichnerischen Vorgehen (trotz des letztlich großen Reichtums der malerischen Wirklichkeit, die sich entwickelt aus einer herb-trockenen Farbe, die jedoch nicht ohne Raffinesse ist, ohne dabei zu verführen). Eine Zeichnung also, die nicht als Mittel der traditionellen Gewissheit der Form verstanden sein will, sondern gerade als Art, sich der Zufälligkeit der Form anzunähern: Diese Zufälligkeit bleibt als solche erhalten, weil Zotti seine Vorstellungen nicht in endgültiger Form verwirklicht sehen will, weil es nicht in seiner Absicht liegt, ihnen eine unabwandelbare formelle Beständigkeit zu verleihen. Er will vielmehr eine «vorläufige Anwesenheit» unterstreichen, eine phan­tomatische (irreale, unwirkliche ?) Anwesenheit in einem Theater, das sich selbst in völlig phantomati­scher Weise bietet. Nur so erklärt sich Zottis Art, den mythischen Anklang auf die Bahn des offensichtlich Er­künstelten zu lenken.